Samstag, 11. Januar 2014

Zwischenfazit/ Ein kleiner Rückblick

geschrieben am Samstag, 14.12.2013

Ich habe das Gefühl, es bietet sich bereits an, ein kleines Zwischenfazit zu ziehen. Die ersten 5 Wochen in Japan habe ich hinter mir und nach dem Aufenthalt in Deutschland sind es nun nur noch etwa 7 Wochen.


Japan ist und bleibt ein Abenteuer.

In den ersten zwei Wochen meiner Zeit hier, stand ich zugegebenermaßen ziemlich unter Kulturschock. Insbesondere nun, da ich den direkten Vergleich zu meiner erneuten Ankunft am Flughafen und Fahrt zum Hotel habe, merke ich, wie sehr sich die Situation verändert hat: Als ich am 22. Oktober in Narita landete, war ich einfach nur ko und froh, nur noch den Chauffeur finden zu müssen und bis vor die Haustür gefahren zu werden, mich nicht um Koffer und Co kümmern, etc. Da das alles gut geklappt hat, war ich doch ganz optimistisch, dass Japan doch gar nicht so schlecht werden würde.

Als ich dann im Hotel ankam, war ich ziemlich niedergeschlagen. Das sah ja so gar nicht aus wie das Zimmer, das ich im Internet gesehen hatte. Halb so groß und Hotelzimmer-Flair. Gefreut hatte ich mich auf ein kleines Apartment, das „wohnlich“ aussah und nicht nur wie eine temporäre Unterkunft. Danach ging ich spazieren, um die Bahnstation für den nächsten Tag zu finden (und wahrscheinlich auch, um dem Hotelzimmer zu entfliehen). Ich habe mich wahrscheinlich noch nie zuvor so unwohl und fehl am Platz gefühlt. Ich konnte nichts verstehen, nichts lesen, überall waren Restaurants mit (frittiertem) Fisch (tempura) in den Schaufenstern, ich war groß, fiel ungewollt auf und war ja nun ganz offensichtlich nicht Asiatin.

Auf das folgende Wochenende hatte ich mich gefreut, könnte ich doch etwas von der Stadt sehen. Doch erst einmal bekam ich Hausarrest wegen der Taifune. Ich sollte also in diesem Zimmer bleiben, in dem ich mich nicht wohl fühlte… Hmm… Als dann gleich am ersten Wochenende auch noch das erste Erdbeben kam, war das auch nicht gerade förderlich für’s Wohlbefinden. Ich wäre damals am liebsten in den nächsten Flieger gestiegen. Froh war ich dann aber, dass ab Samstag Nachmittag die Sonne schien und ich wirklich noch etwas vom Wochenende hatte.

Ich glaube, der erste Wendepunkt war am darauffolgenden Wochenende als ich auf Odaiba war. Es hatte mir dort so gut gefallen und war ein positives Erlebnis. Ich merkte, wie ich daraufhin der Kultur gegenüber immer offener wurde. Ein Zeichen dafür war zum Beispiel, dass ich auf Arbeit immer mal wieder nach japanischen Wörtern fragte, die ich irgendwo aufgeschnappt hatte und so für den Anfang die im Büro gebräuchlichsten Redewendungen (Danke sehr, Guten Morgen und Entschuldigung) lernte.

Ich wurde bisher mit großer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft überall empfangen, auch wenn es dann doch manchmal mit der Verständigung etwas schwierig ist. Mit Händen und Füßen bin ich bisher ziemlich weit gekommen.

Was mir bisher fehlte, war jedoch jemand, mit dem ich abends mal einen Kaffee trinken gehen oder am Wochenende etwas unternehmen kann. Ich war so dankbar, dass Marlen und Manuel zufällig auch in Japan waren. Es nützt nichts, einfach bei Skype mit jemandem zu reden. Es geht nicht unbedingt darum, deutsch oder englisch zu sprechen. Es geht darum, mit jemandem zu reden, der gleiche oder ähnliche Erfahrungen macht, auch die kleinen Merkwürdigkeiten der japanischen Kultur belächelt oder mit dem Kopf schüttelt.

Ansonsten wird das Gefühl der Isolation groß. Wenn ich durch Tokyo laufe, in der Bahn sitze oder auch im Büro bin, habe ich das Gefühl, wie in einer Blase zu sein. Ich habe angefangen, das Gebrabbel, die Lautsprecherdurchsagen oder Musik auszublenden, da es für mich nur unverständliches Gibberish ist und ich es als Lärm empfinde. Besonders deutlich wurde dies als ich wieder in Frankfurt war und am Hauptbahnhof stand. Plötzlich vorbeiziehende Gesprächsfetzen oder Lautsprecherdurchsagen zu verstehen und Reklametafeln lesen zu können, war in dem Moment so überwältigend, dass ich mich erst einmal unwohl ob der zahlreichen Eindrücke fühlte. Das hatte ich nicht erwartet. Deutschland ist doch meine Heimat, da sollte ich mich doch wohl fühlen. Natürlich kenne ich den reversed culture shock, aber in dieser Form habe ich ihn noch nicht erlebt.

Ein besonders prägendes Erlebnis hatte ich am Morgen der Office Party, also nach etwa einem Monat. Ich hatte mir inzwischen angewöhnt, mir ein Buch mit in die Bahn zu nehmen. Auch wenn die Strecke recht kurz ist, lohnt es sich. Ich bemerkte plötzlich, als ich in der Bahn saß, die gerade losfuhr, dass ich nicht geschaut hatte, auf welcher Seite des Bahnsteigs ich einsteigen müsste. Ich hatte mich einfach in die linke Bahn gesetzt und bin losgefahren. Und zu meiner Erleichterung stellte ich an der nächsten Haltestelle fest, dass ich auf der richtigen Seite eingestiegen war. Dieses intuitive Wählen der richtigen Seite macht das Pendeln immer entspannter. Während ich in der ersten Woche noch jedes Schild drei Mal studiert habe und mir nie ganz sicher war, ob ich wirklich richtig fuhr, schaue ich zwar heute sicherheitshalber doch immer noch mal auf die Richtung, aber mir reicht bereits ein Ort als Richtungsangabe und nicht mehr das Studium der gesamten Anzeigetafel. Auch wenn das Fahren auf mir unbekannten Strecken mein Stresslevel immer noch ansteigen lässt, fällt es mir dennoch immer leichter.

Und apropos Zugfahren – zurück zum Flughafen: Als ich dieses Mal in Narita landete, wusste ich, was mich erwarten würde. Ich musste dieses Mal lediglich bei der Immigration zu einem anderen Schalter, weil ich eine re-entry-permit hatte.

Die nächste Bahn fuhr erst in einer Stunde, sodass mein Sitznachbar aus dem Flugzeug und ich uns unsere Bahnkarten holten und bis zur Tokyo Station zusammen fuhren. Das ist eigentlich gar nicht so schwierig – am Flughafen in den Narita-Express steigen, an der Tokyo Station aussteigen, dann 3 Stationen mit der JR Chuo Rapid nach Yotsuya und nochmal 5min zu Fuß. Im Oktober hätte ich das dennoch nicht hinbekommen. Das wäre für den Tag einfach zu viel gewesen. Bis zur Yotsuya-Station wäre ich vielleicht (halb oder vielleicht sogar vollends verzweifelt) noch gekommen, aber dann das Hotel zu finden… Ich war froh, dass ich damals abgeholt und bis vor die Tür gefahren wurde. Stolz war ich aber auch, mich mittlerweile so gut zurechtzufinden, dass ich ohne Probleme von Narita zum Hotel pendeln kann.

Es sind die kleinen Dinge, ob im Alltag oder auf so einer Reise, die einem deutlich machen, welche Fortschritte man gemacht hat und wie weit man schon dem Kulturschock entflohen ist und sich langsam immer besser zurechtfindet. Das ist ermutigend.

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